Was nun: Arbeitskräftemangel oder Arbeitslosigkeit?

Die tägliche Berichterstattung kann verwirren. Die Bertelsmann Stiftung nennt eine Zahl von bis zu 5 Millionen Fachkräften, die bis 2030 fehlen. Das IAB rechnet diese Zahl hoch bis zu einer Lücke von 7 Millionen im Jahr 2035.

Gleichzeitig lesen wir über die Schwierigkeiten der Automobilhersteller und mit ihnen die Zulieferer. Elektromobilität. China. Freiwilligenprogramme zum Personalabbau. Die Chemie wandert ab wegen hoher Energiekosten. Die Stahlindustrie schrumpft bis zur Bedeutungslosigkeit. Die Agentur für Arbeit sieht eine Zahl von 3 Millionen Arbeitslosen am Horizont.

Scheinbare Widersprüche finden sich überall

Die scheinbaren Widersprüche verfolgen uns auch in anderen Wirtschaftsbereichen. Europa meinte, Google hätte zu viel Macht. Durch KI bröckelt das Geschäftsmodell nun zum ersten Mal. Plattformen wie Business-Insider argumentieren, dass die No-Klick-Rate (weniger Besucher auf Grund von ausbleibenden Klicks auf eingeblendeter Werbung von Google) nun ihre Geschäftsaktivität bedroht und begründen damit einen Personalabbau.

Wir wollen von China unabhängig sein, brauchen aber die seltenen Erden und in vielen Bereichen den Absatzmarkt. Wasche mir den Pelz aber mache mich nicht nass.

Die Sehnsucht nach Eindeutigkeit

Wir lieben Klarheit: „10 Weisheiten für ein erfolgreiches Leben“. „7 Tipps für die Gesundheit“. „8 typische Fehler im Vorstellungsgespräch“. Die Welt wird aber komplexer. Der Vor-Corona Begriff VUCA ist abgedroschen – dennoch bleibt das A von „Ambiguity“ relevant. Antworten sind nicht mehr eindeutig, sondern oft mehrdeutig. Nicht mehr zwingend „entweder, oder“, sondern häufig „sowohl als auch“. Dieses gilt auch für Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt.

Zur Titel-Frage: Ja, in vielen Bereichen herrscht ein Fachkräftemangel vor. Ich bin seit 25 Jahren im Gesundheitswesen tätig – und jede Pflegefachkraft findet ohne Schwierigkeiten 10 Jobs. Gleichzeitig klammern sich Ingenieure in Baden-Württemberg an ihrem Arbeitsplatz trotz Abfindungsangebote im unteren bis mittleren sechsstelligen Euro-Bereich.

Die Mehrdeutigkeit wird bei der Job-Suche auf verschiedenen Gebieten sichtbar:

Qualität oder Quantität?

Vor einiger Zeit war die Antwort eindeutig: Qualität. Heute schlägt Geschwindigkeit häufig die perfekte Bewerbung. Was nützt meine individuelle Rückmeldung an den Mittelständler nach einer Woche, wenn dieser bereits mehrere hundert Zuschriften erhalten hat? Mit etwas Glück kann die Quantität (natürlich macht ein qualitativ hochwertiger Lebenslauf immer Sinn) die Qualität im Sinne eines responsiven Anschreibens schlagen. Entweder, oder? Nein beides!

Mit KI erstellen oder ohne KI

KI verblüfft immer wieder bei Vorschlägen zur Erstellung einer Bewerbung. Sie erfasst die Kultur des Arbeitgebers, schlägt den richtigen Ton für das Anschreiben vor. Sie merzt Fehler aus dem Lebenslauf aus und unterstützt beim Deckblatt, einer Projektliste oder einem Kompetenzprofil. Nachteil: Sie ist fast immer als KI erkennbar. Pech für den, der auf einen Arbeitgeber stoßt, der dieses ablehnt. Die richtige Vorgehensweise? Mit KI generiert, von KI vorgeschlagen und angepasst sowie ohne KI? Alles parallel!

ATS überwinden oder an einen Menschen adressieren?

Gerade Konzerne machen fast alle von ATS (Applicant Tracking Systems) Gebrauch. Parameter werden für Bewerbungen eingegeben, die HR zu Gesicht bekommen soll. Anforderungen müssen in den Unterlagen aufgegriffen werden, Kompetenzen enthalten sein und etwaige No-Gos vermieden werden. Manche Kandidaten betreiben dieses bis zum Exzess. Key-Words werden mit weißer Schrift auf einem weißen Hintergrund geschrieben. Aber wenn die Bewerbung die Filter durchbricht, ist die Bewerbung dann noch für einen Menschen geeignet? Dazu auch der nächste Punkt:

Ansprechendes Layout oder Leserlichkeit vereinfachen?

Canva & Co. bieten eine reiche Auswahl schöner Layouts. Diese behindern aber die ATS, da diese zwei Spalten nebeneinander schwer interpretieren können. Auch der Mensch liest gern von oben nach unten – und übersieht dann häufig die zweite Spalte mit weiteren Informationen. Wer mit beiden Fassungen (ansprechend und einfach) unterwegs ist, bleibt auf der sicheren Seite.

E-Mail oder Papier?

Seriös jetzt? Diese Frage haben wir doch vor 20 Jahren geklärt? Ja, wer versendet heute noch einen handgeschriebenen Brief? Gerade deshalb öffnen wir diesen – privat – an erster Stelle: eine Seltenheit! Da Sichtbarkeit die größte Hürde im Bewerbungsverfahren wird, lohnt sich das Experiment mit der Papierbewerbung. Wenn schon, dann aber in exzellenter Qualität mit weißem Versandkuvert, einer Thermobindemappe, mit blauem Füller unterschrieben und… natürlich einer „echten“ Briefmarke (die man – im Übrigen – selbst bei der Post gestalten kann). Apropos: Nicht beleidigt sein, wenn die Bewerbung trotz aller Bemühungen zurückkommt.

Reaktion auf ausgeschriebene Stellen oder den verdeckten Arbeitsmarkt erschließen?

Mit dem Strom schwimmen – und davon ausgehen, dass eine „echte“ Stelle vergeben wird? Oder den umgekehrten Weg gehen und Personalvermittler ansprechen, hochwertige Profile bei LinkedIn & Co. anlegen sowie Initiativbewerbungen an Unternehmen verfassen? Vielleicht intelligent beides kombinieren: Die ausgeschriebene Stelle war interessant, aber es gab bereits 387 Bewerbungen für die Position „Business-Development Manager“. Warum nicht zwei Wochen später eine Initiativbewerbung an den Arbeitgeber senden als „Experte strategisches Marketing mit Fokus auf Product-Management und Kundenberatung“. Vielleicht wird die Bewerbung der ausgeschriebenen Position noch zugeordnet und berücksichtigt. Oder, wenn der neue Stelleninhaber nicht überzeugt und dieser während der Probezeit eine Kündigung erhält, während die sonstigen Kandidaten längst aus dem Rennen sind, wird möglicherweise auf die Initiativbewerbung zurückgegriffen.

Jung oder alt?

Nachdem KI gewisse Einstiegsjobs übernimmt und viele Firmen wegen der Home-Office Reglung Schwierigkeiten mit dem Onboarding neuer Mitarbeiter haben, wird wieder verstärkt auf Personen zurückgegriffen, die selbständig rasch Verantwortung übernehmen können. Wenn wir ehrlich sind, haben sich Arbeitgeber die letzten 15 Jahre bei der Stellenbesetzung bewegt: Männlich/weiblich, Quereinsteiger, Rückkehr nach Elternzeit, Migrationshintergrund, vermehrte Investition in die eigene Ausbildung und… die Altersgrenze ist (pauschale Aussage) von 40 auf Mitte 50 gerutscht.

Gefahr

Die Unübersichtlichkeit der geeigneten Vorgehensweisen trägt dazu bei, dass sich Bewerber in ihren Vorurteilen bestätigt sehen. Jeder ist sich sicher, den Grund für Nicht-Reaktionen, Zögern oder Absagen zu kennen. Richard Bolles beschreibt dieses Phänomen, das Empfinden der Bewerber, in seinem Bestseller (über 10 Millionen Mal verkauft) „What color is your parachute“, auf Deutsch: Durstarten zum Traumjob. Auszug:

– Ich habe zu wenig Berufserfahrung.

– Ich bin zu alt.

– Ich war bei zu vielen Arbeitgebern.

– Ich war nur bei einem Arbeitgeber.

– Ich habe einen Migrationshintergrund.

– Meine Ausbildung ist nicht gut genug.

– Ich bin zu überqualifiziert.

– Ich bin Generalist.

– Ich bin Spezialist.

– Ich habe nur für den Mittelstand gearbeitet.

– Ich kenne nur die Konzerne …

Ich habe mal mit einem Englischsprachigen Marketing-Manager zusammengearbeitet, der meinte: „If you want to do things differently, you should do different things“. Dazu lädt die heutige Zeit ein. Glaubenssätze, weshalb der Erfolg ausbleibt, verlassen! Neues ausprobieren! Sich überraschen lassen! Und in allem – nach Möglichkeit – eine gewisse Lockerheit und sogar Spaß beibehalten.