Wie KI das Bewerbungsverfahren für Arbeitnehmer und Arbeitgeber verändert

Wer als Bewerber in wenigen Minuten eine Absage seiner Bewerbung erhält, hat auf Arbeitgeberseite wahrscheinlich nicht mit einem Menschen, sondern einem Algorithmus zu tun. Nicht wenige meiner Kunden fragen, wie sie damit umgehen sollen. Die eigentliche Frage lautet: Wie kann ich KI überlisten, damit meine Bewerbung von einem Menschen gesehen wird?

Dazu ist es hilfreich, ein wenig auszuholen. KI wird nicht eingesetzt, damit Bewerber geärgert werden. Die Digitalisierung führte zur schlichten Notwendigkeit. Vor einiger Zeit versendete ein Programmierer „auf Knopfdruck“ 5.000 Bewerbungen (und wurde – der Vollständigkeit halber – 20-mal eingeladen).

Arbeitgeber: 90 Prozent aller Bewerbungen sind nicht verwertbar

Es wundert nicht, dass Arbeitgeber sich der Flut der Copy/Paste-Bewerbungen nicht länger gewachsen sahen – und entsprechende Maßnahmen ergriffen. Eine davon ist der Einsatz von KI – oder besser von ATS-Systemen (Applicant Tracking Systems). Wer sich das LinkedIn-Interview anschaut, versteht etwas besser, wie die Filter funktionieren. In diesem Beispiel werden 1.000 Bewerbungen auf 45 reduziert (die von einem Menschen angeschaut werden). Filter waren zwei Keywords: a.) Bewerber sollten erwähnen, dass es sich um ihren Traumjob handelte; b.) außerdem sollten sie sich auf der Unternehmens-Website für die Zusendung von neuen Jobs eingetragen haben.

Keywords als Blinde Kuh

Alles sinnvoll. Für den Bewerber ist es aber eine Art „Blinde Kuh“ oder „Topfschlagen-Spiel“, denn dieser weiß nicht, mit welchen Key-Words sich das ATS-Tor öffnet und die Bewerbung von einem Menschen gesichtet wird. Nun kann angenommen werden, dass der Arbeitgeber versucht, eine Passung („Match“) zwischen Anforderungen und Qualifikation herzustellen. Galt es „früher“ als eine Kunst, mit Beispielen zu überzeugen und Synonyme für Kompetenzen zu finden und damit zu vermeiden wie ein Papagei die Forderungen einfach nachzuplappern, ist das zum Jahresende 2025 nicht zwingend ein guter Rat. Gleichzeitig soll die Bewerbung noch einigermaßen anspruchsvoll aussehen, wenn sie die Filter durchbricht. Also eine Mischung, KI zu überlisten und gleichzeitig einem menschlichen Anspruch gerecht zu werden.

Soll KI meine Bewerbung verfassen?

Denn ja, natürlich wäre es möglich (und das manchen viele), KI den Link zur Stellenausschreibung zu übermitteln und den Vorschlag zu einem Anschreiben zu prompten. Gute Idee, aber ChatGPT würde jedem, der so vorgeht wohl mehr oder weniger den gleichen Text anbieten. Der Arbeitgeber würde dies mit einem gewissen Amüsement zur Kenntnis nehmen. Es ist ohnehin recht einfach erkennbar, wenn KI an der Arbeit ist. Dazu können Arbeitgeber ein KI-Programm beauftragen und eine Rückmeldung über die Wahrscheinlichkeit erhalten, ob – und in welchem Maß – die Bewerbung von oder mit KI verfasst wurde. Wenn ich KI auch meinen Lebenslauf zur Verfügung stelle, wird der Vorschlag selbstverständlich individueller. Am Prinzip ändert dieses nichts.

KI wiederholt, was am häufigsten gefunden wird

Dann alles eigenhändig schreiben? Jein, oder an sich: ja! Natürlich ist es kein Fehler, sich mal anzuschauen, was KI vorschlägt. Die Versuchung ist allerdings groß, sich Teile aus dem Vorschlag in das eigene Anschreiben hineinzukopieren. Hier wiederhole ich auch, was wir alle wissen: KI macht nicht immer alles am besten, sondern multipliziert auch Fehler, wenn sie nur oft genug gemacht werden. So kommt (bisher ausnahmslos) der Einstieg für das Anschreiben: „Mit großem Interesse las ich Ihre Anzeige…“. Ja, klar! So machen es 95 Prozent der Bewerber – und fliegen nicht selten auf Grund dieses Einstiegs aus dem Bewerberpool!

Wie kann KI sinnvoll eingesetzt werden?

Natürlich kann KI den Prozess beschleunigen – und im Vorfeld Informationen verstrecken:

  • Gib mir bitte eine komprimierte Unternehmensbeschreibung?
  • Wofür ist diese Firma insbesondere bekannt?
  • Wer sind führende Mitbewerber?
  • Was macht dieses Unternehmen besser als der Wettbewerb?
  • Welche positiven Aspekte führen derzeitige und vorherige Mitarbeiter über diese Firma auf?

Diese Aufzählung könnte beliebig verlängert werden. Statt lange zu recherchieren, helfen einige Prompts, wichtige Informationen aufzulisten (immer Stichproben vornehmen, wenn es sich um ein eher unbekanntes Unternehmen handelt).

Wie umgehe ich KI?

Selbstverständlich könnte ein ganzes Buch über den Umgang mit KI im Bewerbungsverfahren geschrieben werden. Umso mehr bietet sich der verdeckte Arbeitsmarkt an. Damit umgeht man KI in den meisten Fällen, z.B.:

  • Zusendung von Initiativbewerbungen an eine persönliche E-Mail-Adresse, über LinkedIn an Mitarbeiter der HR-Abteilung oder auch (wenn die vorherigen Vorgehensweisen schwierig sind) an die Info-Adresse aus dem Impressum.
  • Kontaktaufnahme zu Personalvermittlern.
  • Aussagefähiges Profil bei LinkedIn erstellen mit Hauptaufgaben, Erfolgen und Qualifikation. Das Profil soll nicht nur retrospektiv, sondern perspektivisch erstellt werden. Welchen Job strebe ich an? Was sind dafür die wichtigsten Tätigkeiten und die bedeutendsten Anforderungen? Hier kann KI helfen und zusammenfassen. Diese Key-Words sollten in meinem Profil (falls zutreffend) nicht fehlen.